Die schönsten Kurzgedichte 2006

Klapphornverse Limericks Kurzgedichte Schüttelreime


Platz 1 - ausgewählt von 6 Juroren


Der Papagei

Ein Papagei saß schon sehr lange
auf seiner Papageien-Stange.
Nicht immer nur, denn manchmal hing
er auch kopfüber an dem Ding,
und sah - und dieses nun gedreht,
die ganze Welt, bemerkt, sie geht
auch andersrum und funktioniert,
wie sie soeben demonstriert.

 

Bruno Bansen

Zähne

Am Anfang sind die Zähne recht,
wir reißen Bäume damit aus.
Dann werden sie allmählich schlecht
und müssen nacheinander raus.

Wenn dann das Alter an uns nagt,
ist da kein Zahn mehr weit und breit.
Als letzter Zahn, der uns noch plagt,
bleibt schließlich nur der Zahn der Zeit.


Jürgen Brater


Cogito

Eine Sicherheit hat uns
Descartes geschenkt:
dass man ist, vorausgesetzt:
man denkt.

Aber nicht nur, dass
man denkt ist wichtig,
wer partout nicht richtig denkt,
ist wohl auch nicht richtig.

Doch ich meine, dass ich bin.
wird mein Kopf auch oft gerügt,
dies und das kapiert er immerhin.
Das ist tröstlich, das genügt.

Werner Hadulla

 

Freund willst Du einst
die Englein singen hören,
lass zeitig ab, von allen
leichten Gören.

Befass dich mit den Guten,
den Prinzipienfesten.
Auch wenn das öde wird,
es dient zu deinem Besten.


Thomas Schleuder


Ich sorge mich um eine Fliege
in diesem Raum, in dem ich liege.
Seit Stunden höre ich mir an,
dass sie wie ich nicht schlafen kann.


Frantz Wittkamp

Das Leben, wie wir alle wissen,
besteht aus lauter Kompromissen.
Solange er kein andres hat,
fährt auch der Herr ein Damenrad.


Frantz Wittkamp



Platz 2

Kompromisse sind vonnöten,
doch nicht immer auch gesund.
Schluckst du täglich neue Kröten,
wächst der inn´re Schweinehund.


Jürgen Flenker


Lösung

Frauen finden
manchen Mann betörend,
viele andre aber
nichts als störend.

Gehörst du glücklich
zu der ersten Art,
so bleibt dir vieles
Bittere erspart.

Tendierst du aber
zu der großen zweiten,
so gib dich drein und
binde dich beizeiten.

Werner Hadulla


 

OPAS

Wenn Opas kurze Hosen tragen
sehn sie wie kleine Jungen aus.
Die Oma hat da nichts zu sagen.
Sie macht für sich das Beste draus
und inspiziert schon mal die Schränke
nach Nieren- und nach Blasentee,
auch etwas für die Kniegelenke,
wenn ich das realistisch seh.

Gerhard Huhn

Moral

Für den Erfolg ist die Moral
ein Hemmnis in fast jedem Fall.
Doch bleibt fatal: auch Unmoral
führt zum Erfolg nicht überall!


Max Hundeiker


 

Ganzheitslehre

Die Bockwurst macht den Kohl nicht fett
so wenig wie der Klops aus Mett.
Woher mag dann der Schmerbauch stammen?
Er kommt von alledem zusammen!

(Auch wenn du Trenn-Kost ausprobierst,
glaub´ nicht, dass du den Bauch verlierst!)


Lutz Menard

Betrachtung einer Vollbeschäftigten

Beim Rasenmähen denk ich oft
und komm ins Fabulieren –
die Männer müssen häufig sich –
ich muss das Gras rasieren.


Jutta Kieber


 

Regelung

Sie führen eine
Durchschnittsehe wie
andere auch.
Und machen von ihrem
Zeugungsverweigerungsrecht
geschickt Gebrauch.

 

Rupert Schützbach

Es war einmal ein schlaues Tier,
dass fraß beschriebenes Papier.
es schluckte haufenweise Wissen
und hat ein Lexikon geschissen.

 

Frantz Wittkamp


 

Abends, als der alte Tag
schon im Abfalleimer lag,
dachte ich: "Du darfst dich freuen,
morgen gibt es einen neuen."

 

Frantz Wittkamp

Ich bin seit Jahren auf der Welt.
Inzwischen weiß ich hier Bescheid.
Das Leben kostet nicht nur Geld.
Vor allem kostet es auch Zeit.

 

Frantz Wittkamp



Platz 3

Der Kabeljau

Es schwamm beherzt der Kabeljau,
im Wasser zu 'ner Kabelfrau.
Dieweil er solo, sucht er wen,
zum Kino- und auch Tanzengehn,
und was er noch ganz gerne hätt',
das wäre eine für sein Bett!
Sie fand's nicht toll und drohte dann
Ihm Prügel und noch weit'res an.
Drauf sah man, wie er panisch floh
vor dieser Frau, die manisch roh!

 

Bruno Bansen

Im Konzert

Den Nachbarn frag ich int’ressiert,
wer war das noch, der’s komponiert?
War’s Mozart oder Mayerbeer,
an Strauss erinnert’s gleichfalls sehr ...“
„Mein Herr, das ist von Bach!“
„Ach?“

 

Bruno Bansen


 

Die Kuh im Weltall

„Wer fliegt dort hoch am Himmelszelt,
süß Lieder pfeifend um die Welt?
Wer ist das, den am Firmament,
dort oben keine Sau erkennt?
Wer wird das sein, der hoch und höher
und fliegend kommt den Sternen näher?“

Es ist ’ne Kuh die mich das fragt,
„Es ist ’ne Kuh!“ hab ich gesagt,
„Das weiß ich auch“, sagt darauf jene,
„nur - ist das Gertrud oder Lene?“

 

Bruno Bansen

Der Regenwurm

Ein Regenwurm der eloquent,
gemeinhin viele Wörter kennt,
doch weil er nur sehr selten spricht,
vermutet man’s bei diesem nicht.

 

Bruno Bansen


 

Auf Erden möchte’ ich eines sehr,
ahnst du schon, was ich meine?
Ich wär’ so gern ein Teddybär,
am liebsten noch der deine.


Horst-Peter Boltz

Furcht

Die Spinne fürchtet sich vor Meisen,
weil Meisen Spinnen gern verspeisen.

Die Meise fürchtet sich vor'm Fuchs,
wenn der sie kriegt, frisst er sie flugs.

Der Fuchs, der fürchtet Menschen sehr,
denn Menschen haben ein Gewehr.

Doch der, vor dem die Tiere zittern,
wenn sie ihn nur von weitem wittern,
vor dem selbst Bär und Löwe flieht,
der kreischt, wenn er 'ne Spinne sieht.

 

Jürgen Brater


 

Was bleibt

Ich darf seit neustem nicht einmal
bei uns im Badezimmer singen.
Sie sagte streng, das sei ´ne Qual
und würd durch alle Wände dringen.

Vom Dreiklang ´Wein, Gesang und Weib´
ist nur das letzte mir geblieben,
der heiß ersehnte Zeitvertreib,
das Lieben, Lieben, Lieben.

 

Werner Hadulla

Gemeinsames Altern

Sein Lockenkopf ist längst verschwunden,
ER meint, weil er nur Großes denkt.
SIE hat sich damit abgefunden,
dass - einfach so - ihr Busen hängt.

Wenn Fleischeslust sich stark beschränkt
auf's Kotelett - gut im Schmaus vermengt,
dann kann man schon mal Ängste kriegen,
könnt das vielleicht am Alter liegen?

Beim Rasenmähen ringt in mir
die Lust zum Fabulieren,
doch mangels Bleistift und Papier
gewinnt das Grasrasieren.

 

Jutta Kieber


 

Der eine und der andere

Der eine lebt in Saus und Braus,
der andere in Franken;
dem einen geh´n die Haare aus,
dem andern die Gedanken.

Der eine sitz im Stadion,
der andre hinter Stäben;
dem einen läuft die Frau davon,
der andere bleibt dran kleben.

Den einen nährt sein Sachverstand,
den andern eine Henne;
der eine fliegt von Land zu Land,
der andre von der Penne.

Der eine kämpft um die Promille
der andre um´s Gewicht;
der eine, der verliert die Brille,
der andre sein Gesicht.


Ferdinand Kirchhoff

Grabinschrift

Das Rauchen
hat er sich mit 50 Jahren
abgewöhnt
das Trinken
mit 74
das Schnarchen
erst hier.


Ferdinand Kirchhoff


 

Offenheit

 

ein Architekt mit Witz erfand

den Hausbau ohne Zwischenwand.

Jetzt hat man durchblick und kann sehen,

wie nebenan die Dinge stehen!

 

(Ob man stets daran Freude hat -

das steht auf einem andren Blatt!)

 

Lutz Menard

Das arme Mädchen im Büro

Sie sitzt vor ihrer Schreibmaschine,
die Stirn umwölkt und trüb die Miene.
Das Leben ist oft gar nicht heiter,
weil häufig sie als Blitzableiter
die schlechten Launen muss ertragen,
die ihren Chef nicht selten plagen.
Ein einz'ger Trost ihr nur verbleibt:
Er ist zum Glück nicht unbeweibt!
Was er tagsüber sie gequält,
wird ihm am Abend heimgezählt!

 

Inge Schorisch