Was ist ein komisches Gedicht?

Dieser Text richtet sich an die Freunde der ´KlapphornClique´, die hin und wieder zu einem Wettbewerb witziger Gedichte einlädt und ausgewählte Beiträge - unter anderem Klapphornverse, Limericks und Schüttelreime - jeweils auf eigenen Seiten dieser Homepage - veröffentlicht.

Im folgenden soll zunächst der Versuch gemacht werden, das witzige, oder wie es üblicherweise heißt, das ´komische´ Gedicht gegen sein ´seriöses´ Gegenstück – die erkennbar ´ernsthafte´ Lyrik – abzugrenzen. Dabei soll gezeigt werden, dass die Komische Lyrik ihre eigene Sprache und Dynamik entwickelt, aber leider auch ihre speziellen Klippen und Tücken hat. Danach werden, getrennt abrufbar, Ursprünge und Eigenschaften des Klapphornverses, Limericks und Schüttelreims erläutert. (®  Was ist ein Klapphornvers | ® W.i.e. Limerick | ®  W.i.e. Schüttelreim)

Nicht vermitteln können wir auf diesen Seiten die handwerklichen Grundlagen des Dichtens, die nur in einer mühevollen Praxis der Selbsterprobung und des Vergleichens zu erwerben sind. Gut beraten ist, wer sich rechtzeitig mit den Grundregeln der Poetik vertraut macht und gelegentlich eine Vers- und Reimfibel zur Hand nimmt. Und unerlässlich bleibt, dass er bei Klassikern und Größen seines Interessengebiets, in unserm Fall – um nur einige zu nennen - bei Heine, Morgenstern, Tucholsky und Kästner, nicht zuletzt auch bei Dichtern der Gegenwart, in die Lehre geht.

1. Nur in der zweiten Reihe ?


Den Scherz- und Satirepoeten wird in Deutschland gewöhnlich ein Platz am Katzentisch angewiesen. Man las und liest sie zu allen Zeiten und viele ihrer ´Komischen Gedichte´ erreichten und erreichen eindrucksvolle Auflagen, von denen ´ernsthafte´ Dichter im allgemeinen nur träumen können. In der Fachwelt aber gilt ihr Werk auch da, wo es mitreißend ist, als leichtgewichtig, mit der ´seriösen´ Lyrik generell nicht vergleichbar. Diesen Maßstab kann man allen bekannten Lyrik-Sammlungen der letzten hundertfünfzig Jahre ablesen, den vielen Echtermeyers und von Wieses, die das Lyrikbild ganzer Generationen geprägt haben.

Man sollte annehmen, heute würden profanere, offenere Kriterien gelten - aber Vorsicht: Auch ´Der Neue Conrady´, das in der Gegenwart tonangebende Sammelwerk deutscher Gedichte, hat die alte Tradition nahezu ungebrochen übernommen. Dieses fast Schuhkarton große, 1300 Seiten starke Werk räumt Wilhelm Busch ganze drei Druckseiten ein, dagegen dem weithin belanglos gewordenen Ferdinand Freiligrath die doppelte Seitenzahl. Selbst dessen schrulliges Poem 'Der Mohrenfürst' – verspottet schon von Heinrich Heine – wird von Conrady in voller Überlänge abgedruckt. Anregende Dichter wie Wedekind und Klabund kommen wiederum nur spärlich zu Wort. Ganz fehlen Satire– und Scherzautoren wie Ludwig Thoma, Eugen Roth und Heinz Erhardt, ebenso wie bedeutende Kabarettdichter der jüngeren Zeit, Otto Reutter, Walter Mehring, Karl Valentin oder Helmut Qualtinger. Vergeblich sucht man auch nach Fred Endrikat, der 1940 mutig, wenn auch verbrämt, den Vierzeiler drucken ließ:


                                                   Halte den Schnabel und schweige,
                                                   wenn Dir ein Unheil droht.
                                                   Lieber fünf Minuten lang feige
                                                   als ein ganzen Leben lang tot.


Leichtfüßige komische Verse müssen in Deutschland hohe Hürden nehmen, um von akademischen Lehrern und maßgebenden Kritikern anerkannt zu werden. Dabei spielt mit, dass in unserer ´ernsten´ Lyrik seit etwa hundertfünfzig Jahren, parallel zur Entwicklung in Frankreich und anderen westlichen Ländern, eine verschlüsselte, an Kodierungen und Verknappungen reiche Gedichtsprache vorherrscht, die - was nicht selten ist - auch zur verfinsterten Thematik neigt: "Seit Baudelaire und Mallarmé gilt die Dunkelheit als zentrales Charakteristikum der literarischen Moderne ... Die kanonisierte neuere deutsche Lyrik ist dementsprechend weithin elegisch, selbstreflexiv, schwer zugänglich ... von lastendem Ernst." (Christian Maintz)
Es gehört zur obligaten Aufgabe der Germanistik, dass sie sich mit den maßgebenden Ausdrucksformen und den bleibenden Werken unserer Lyrik befasst; verständlich auch, dass der verschlüsselte Gedichtstext, wie er eben beschrieben wurde, den Fachmann zur Interpretation reizt. Das darf aber kein Grund sein, das Komische Gedicht minder zu bewerten, auch wenn sich in ihm der Stil seiner Periode weniger spiegelt und wenn es aus sich heraus verständlich ist. Der Blick von der Seite, die witzige, enthüllende Sprache können manchem Sujet mehr abgewinnen als eine verschlüsselte, stilisierte oder gar elitäre Diktion.

Um einem Missverständnis zu entgehen: Alle älteren Gedichte, die in ´Den Neuen Conrady' aufgenommen wurden, haben in diesem Werk zu Recht ihren Platz gefunden. Auch viele der jüngeren nehmen gefangen, wollen behutsam erfasst und erschlossen werden. Aber bei manchem neueren und aktuellen Werk, das hier angeboten wird, kommen erhebliche Zweifel, ob es lohnt, die mühevolle Entschlüsselung auf sich zu nehmen.

Wie stark der Hang zum Verfassen rätselhafter, kryptischer Gedichte noch anhält, ist den vielen quälenden Gedichtsanthologien abzulesen, die in den letzten Jahren gedruckt worden sind. Sie verdanken Ihre Existenz dem Geschick von Verlegern, die beteiligten Autoren für die Finanzierung zu gewinnen. Auch im Internet sind unergründliche Verswerke zu Hunderten anzutreffen. Die Vermutung liegt nahe, dass das Mysteriöse, Schleierhafte manchem Gedichteschreiber leichter von der Hand geht als ein transparenter Text.

In den letzten Jahren sind zwei Sammlungen komischer Gedichte erschienen, die warm empfohlen werden – wir verdanken ihnen manche Anregung: Christian Maintz, “Lieber Gott, Du bist der Boss, Amen! Dein Rhinozeros“, Komische deutschsprachige Gedichte des 20 Jahrhunderts (Sanssousi 2000) sowie Steffen Jacobs, Die komischen Deutschen, 881 gewitzte Gedichte aus 400 Jahren, (2004 bei Zweitausendeins, Frankfurt). Die Auswahlkriterien dieser Werke decken sich nur zum Teil, Maintz bevorzugt mehr den Typ des naiven bis intellektuellen unsinnigen Gedichts, während Jacobs durch eine geschichtlich interessante Auswahl besticht, die heitere Verse von Opitz bis zur Gegenwart umfasst. Der unmittelbare Reiz für den gegenwärtigen Leser steht hier nicht immer im Vordergrund. In ihren Nachworten fordern beide Autoren, dem ´Komischen Gedicht´ in seinen verschieden Spielarten in der Fachkritik einen angemessenen Platz zu geben.



2. Unsinn und Tiefsinn

Einem komischen Ratgeber misstraut man, um einen komischen Arzt macht man einen weiten Bogen. Das Attribut ´komisch´ hat in der gegenwärtigen deutschen Sprache oft den abfälligen Klang des Sonderbaren, Schrulligen. Wir müssen diesen Beigeschmack vergessen, wenn und wo vom Komischen Gedicht die Rede ist. Halten wir uns vielmehr an die Bedeutung des Substantivs, auf das jenes Attribut zurückgeht. Die ´Komik´ intoniert immer etwas Heiteres - unter anderem die Fähigkeit, etwas belustigend darzustellen. In diesem Sinne sprechen wir vom Komischen Roman, der Komischen Oper oder eben der Komischen Lyrik.

Der ´Ernsten´ steht also die die ´Komische Lyrik´ gegenüber. So will es die Fachsprache. Aber die Grenzen sind fließend. Nicht nur, dass ein Ernstes Gedicht viel Heiteres enthalten und das Komische Gedicht einen ernsten Hintergrund haben kann, gelegentlich bleibt die Zuordnung dahingestellt. Robert Gernhardt, der wohl bedeutendste unter den lebenden Autoren des komischen Genres und satirischen Gedichts, hat die folgenden Zeilen geschrieben: 

                                    
Ein Glück

                                     Wie hilflos der Spatz auf der Strasse liegt.
                                     Er hat soeben was abgekriegt.

                                     Da hebt das den Kopf, was erledigt erschien.
                                     Könnten Spatzen schreien, der hätte geschrien.

                                     Der hätte gebettelt: Erlöse mich.
                                     Der Erlöser wäre im Zweifel ich.

                                     Ist sonst niemand da, die Straße ist leer,
                                     der Wind weht leicht und der Spatz macht´s mir schwer.

                                     Wen leiden zu sehn, ist nicht angenehm.
                                     Wenn er sterben will, ist das sein Problem.

                                     So red ich mir zu und geh rasch voran.
                                     Ein Glück, dass ein Spatz nicht sprechen kann.

Die Diktion des Erzählers ist salopp, eine von Strophe zu Strophe deutlichere Vers-Satire und insofern die treffende Bekleidung für ein Komisches Gedicht. Aber nur ein Zyniker kann hier lachen. Wir haben diese Zeilen zitiert, um zu zeigen, dass es Verse gibt, die sich in dem obigen Schema entziehen.

Dagegen gehört das folgenden Spottgedicht des Humoristen Heinz Erhardt eindeutig der Komischen Lyrik an:

                                    
Die Kuh

                                     Auf einer saftig grünen Wiese
                                     weidet ausgerechnet diese
                                     eine Kuh.
                                     . . .
                                     Was ihr schmeckte wiederkautse
                                     mit der Schnauze dann verdautse
                                     und macht muh.

                                     Träumend und das Maul bewegend
                                     schautse dämlich in die Gegend
                                     grad wie du.

Nimmt man es buchstäblich, dann sollte jedes Komische Gedicht zum ersten eine heitere Sprache sprechen, es sollte zweitens zugleich über etwas Belustigendes berichten. Das ist hier der Fall.

Tatsächlich gibt es eine Vielzahl von Gedichten, in denen beides, die Sprache und der Inhalt, auf diese Weise harmonieren. Viele Kinderverse, weite Teile der Dialektpoesie, alle schalkhaften Gedichte haben diesen Gleichklang, ebenso unzählige humorvolle Gedichte erotischen Inhalts, Liebes- und Erlebnisverse. Ein Beispiel aus dem weiten Spielfeld der Dialektpoesie, das jeder Berliner kennt:

                                     Ick sitze da und esse Klops.
                                     Uff eemol kloppts.
                                     Ich warte, staune, wundre mir,
                                     nanu denk ick, ick denk nanu!
                                     Jetzt ist sie uff, erst war sie zu.
                                     Ick gehe raus und kicke –
                                     Und wer steht draußen – icke!

Beide Verse sind nichts als komisch, ohne Bezug zu einem realen Hintergrund. Das scherzhafte Bild, die originelle Wortwahl und das paradoxe Ende genügen, um sie spontan wirken zu lassen. Sie verwenden unterschiedliche humoristische Techniken: Heinz Erhardt wählt den bewährten, hier lautmalerisch zubereiteten Tiervergleich, um eine Stichelei anzubringen; im zweiten Zitat informiert ein Berliner im schnoddrigen Jargon über ein Nichtereignis.

Dem steht das ebenso häufige Gedicht gegenüber, das seinen Leser nicht nur zum reaktiven Lachen auffordert, sondern auch seine weiter denkende, aktive Mitarbeit erwartet. Dieses Gedicht bezieht sich auf einen erkennbaren Hintergrund, ist auf Menschen wie Du und Ich gerichtet, auf ihre Luftschlösser, Phrasen, Vorurteile und Lügen. Es kann aber ebenso Denkgebäude und Künste zum Gegenstand haben, will den schönen Anschein demaskieren, Regeln in Frage stellen, Denkmäler ankratzen.

Erich Kästner möchte nicht nur, dass wir uns über die Griffigkeit der folgenden Sentenz freuen, sondern ihr auch zustimmen, ihren Primat über alle hohen Worte anerkennen:

                                     Es gibt nichts Gutes
                                     außer man tut es.


„C´est la vie“, will uns Ringelnatz im folgenden Gedicht kundtun, und er ist so frei, diese Botschaft zwei altersschwachen Insekten in den Mund zu legen:

                                    
Ein ganzes Leben

                                    „Weiß Du noch“, so frug die Eintagsfliege,
                                    abends, „wie ich auf der der Stiege
                                    damals dir den Käsekrümel stahl?“

                                    Mit der Abgeklärtheit eines Greises
                                    sprach der Fliegenmann: „Gewiss ich weiß es!“
                                    Und er lächelte: Es war einmal - “

                                    „Weiß Du noch“, so fragte sie,
                                    „Wie ich damals unterm Knie
                                    jene schwere Blutvergiftung hatte?“ –
                                    „Leider“ sagte halb verträumt der Gatte.

                                    „Weißt du noch, wie ich, weil ich Dir grollte,
                                    Fliegenleim-Selbstmord verüben wollte??
                                    Und wie ich das erste Ei gebar?? –
                                    Weißt du noch wie es halb sechs Uhr war?? –
                                    Und wie ich in Milch gefallen bin?? –

                                    Fliegenmann gab keine Antwort mehr,
                                    summte leise vor sich hin:
                                    „Lang, lang ist´s her-- - - lang, - - - “.

Nicht wenige Gedichte dieser Art verfolgen erzieherische Absichten. Kein kundiger Satiriker ist so naiv, dass er meinte, Berge versetzen zu können, aber Tucholsky schrieb 1931 trotzdem diese Verse- vielleicht in der Absicht, wenigstens ein paar seiner Leser zu missionieren:

                                    O hochverehrtes Publikum
                                    sag mal, bist Du wirklich so dumm,
                                    …
                                    Jeder Filmfritze sagt: „Was soll ich machen?
                                    Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!
                                    Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht:
                                    „Gute Bücher gehn eben nicht!“
                                    Sag mal, verehrtes Publikum
                                    bist Du wirklich so dumm?
                                    …
                                    Es lastet auf dieser Zeit
                                    der Fluch der Mittelmäßigkeit.
                                    Hast du so einen schwachen Magen?
                                    Kannst du keine Wahrheit vertragen?
                                    Bist also nur ein Grießbreifresser -- ?
                                    Ja dann ..
                                    Ja, dann verdienst du´s nicht besser.

Auch der folgende Befund von Ludwig Thoma besteht weiter:

                                    Wir lieben dieses Vaterland!
                                    Doch fesselt uns ein schön´res Band
                                    Viel stärker, unvergleichlich zäh
                                    Ans Portemonnaie.

                                    …
                                    An Gott im Himmel glauben wir,
                                    Wär Er dem Volk nicht mehr´s, Panier
                                    Wer wüsste dann, was wohl geschäh´
                                    Dem Portemonnaie?

                                    So lebt sich´s gut bei dem System,
                                    Wir ändern es auch je nachdem,
                                    wenn man wo einen Vorteil säh´
                                    Für´s Portemonnaie.

Wir verzichten auf weitere Beispiele. Aus der Zivilisations-, Kunst- und Sozialkritik ließen sich satirische Verse verschiedener Schärfe anführen. Das politische Feld und die heitere erotische Abteilung haben wir ganz außer Acht gelassen; ebenso ist das zu allen Zeiten beliebte Ulk- und Spottgedicht zu kurz gekommen – zitieren wir davon noch ein modernes Beispiel, das wir F.K. Bernstein verdanken:

                                    Horch ein Schrank geht durch die Nacht,
                                    voll mit nassen Hemden…
                                    den hab ich mir ausgedacht,
                                    um Euch zu befremden.

3. Stolpersteine

Das A und O des gelungenen Komischen Gedichts ist seine klare, unmittelbar verständliche Sprache. Bei Heine, Busch, Morgenstern und Tucholsky, wie überhaupt bei den Großen des Genres, können wir das lernen. Im Gegensatz zum Ernsten Gedicht - dem sensibel zu lesenden, oft mühsam ertasteten – springt das Komische Gedicht uns resolut an: Es ist klar, flüssig und zielstrebig, erklärt sich von selbst.

Das gilt für fast alle lustigen und satirischen Verse. Selbst da, wo der Leser an der Nase herumgeführt werden soll, folgt die Auflösung spätestens in der letzten Strophe. Von diesem Zuschnitt gibt es nur wenige Ausnahmen, etwa das absurde Verswerk des Dadaismus, oder das lautmalerische Gedicht, dem sein melodischer Klang, das findige Wortspiel und das Verspotten der Logik genügen.

Gegenwärtige Schreiber tun gut daran, ihre Verse von allem freizuhalten, was den Rezipienten am kontinuierlichen Lesen hindern könnte. Komische Verse sollen gute Laune verbreiten oder den Leser zur kritischen Sicht auffordern. Sie müssen seine Neugier auf den Fortgang wecken, wollen ohne Aufenthalt erfasst werden. Dem stehen jede Unklarheit, alles Nebelhafte im Wege. Wenig gebrauchte Fachbegriffe und unerkannte Persiflagen können irritieren, gewagte Wortschöpfungen und rätselhafte Metaphern das Verständnis behindern.

Auch das sorglose Reimen kann zum Stolperstein werden. Schiller konnte in seiner ´Glocke´ noch ´bräunen´ auf´ erscheinen´ reimen, und das eben geborene Kind frohgemut mit den Sinnspruch begrüßen: „Ihm ruhen noch im Zeitenschoße / die schwarzen und die heiteren Lose.“ Gegen unsaubere Reime dieser Art sind wir empfindlich geworden. Reimpaare wie Kamellen/Kamillen, waten/laden würden heute von jeder ernst zu nehmenden Jury abgewiesen. Mit Gewaltreimen wie jung/genug oder verbrauchten Paarungen wie Herz/Schmerz und Liebe/Triebe sollte sich ein manierlicher Poet nur zufrieden geben, wenn sie originell und kurios eingekleidet sind.

Schlimm auch, wenn der Reim verführt, lange Zeilen nur „des Reimes wegen“ zu schreiben. Der Reim kann das I-Tüpelchen des Verses sein, wird aber als herbeigeholt empfunden, wenn er zwischen nichts-sagenden Füllseln auftritt. Reimen ist ein schnell erlerntes Handwerk, es fliegt jedem zu, der ein Reimlexikon besitzt. Die wahre Kunst besteht darin, den Reim in einer Sollbruchstelle des Redeflusses unterzubringen, ihn rhythmisch glaubhaft zu platzieren, ohne die vernünftige Wortfolge auf den Kopf zu stellen. Die flüssige Sprache und die originelle Aussage sind das oberste Gesetz. Wenn der akkurate Reim hinzutritt und sich zwanglos in den Text einfügt, können Dichter und Leser zufrieden sein.

Ringelnatz, Tucholsky, Gernhardt und viele andere gehen mit der schulmäßigen Reimfolge (dem Schema aabb oder abab usw.) oft recht unbefangen um; ab und zu steht zwischen den gereimten ungeniert eine reimlose Zeile. Einem längeren Gedicht kann diese Freiheit gut tun. Und es geht auch ganz ohne Reim:

                                        Korf erfindet eine Art von Witzen
                                        Die erst viele Stunden später wirken.
                                        Jeder hört sie an mit langer Weile.

                                        Doch als hätt ein Zunder still geklommen,
                                        wird man nachts im Bette plötzlich munter,
                                        selig lächelnd wie ein satter Säugling.

Dies ist ein metrisch korrektes, in zwei Strophen gegliedertes Gedicht von Christian Morgenstern, das, wie gesagt, ohne jeden Schlussreim auskommt. Ein solcher Verzicht, so es einer ist, vereinfacht die Mitteilung. Der Dichter kann sich ganz auf die komische Ausmalung seines Textes konzentrieren.

Aber das ist kein Plädoyer gegen den Reim. Im Gegenteil, er tritt in der Mehrzahl aller erfolgreichen Scherz- und Satiregedichte als krönender, oft seine eigene Komik ausspielender Versabschluss auf. Er kann die Lust und Spannung des Lesers steigern, der nicht nur am inhaltlichen Fortgang interessiert ist, sondern auch auf das Pendant der Rempaarung wartet, das der Dichter ihm anbieten wird.

4. Ohne Fleiß kein Preis

Das könnte auch Ihnen schon einmal passiert sein: ein Gedicht, das gestern in einer Lesung durchgehend lustig klang, enthält heute beim einsamen Nachlesen manche holprige Stelle und, noch schlimmer, unlogische Abläufe, die den gestrigen Eindruck zerstören. Viele, insbesondere längere Gedichte kommen nur an, wenn sie rezitiert werden. Mit dem Lesen durch einen geübten Sprecher wird per se eine Interpretation geliefert, die dem Hörer über alle schwierigen Stellen hinweg hilft. Hinzu kommen die Ausstrahlung des Rezitators und die ansteckende Zustimmung im Saal.
Im stillen Kämmerlein gelten andere Bedingungen. Ein auf sich gestellter Leser gerät schnell aus dem Lesefluss, wenn ihn unverständliche Ausdrücke, verwegene Reime, schräge Metaphern oder eine allzu stark manipulierte Syntax stören (s.o. unter ´Stolpersteine´).

Jeder anspruchsvolle Poet wird seine Verse überarbeiten, bis sie von allen ´Stolpersteinen´ befreit sind und er selbst mit ihnen zufrieden sein kann. Und er wird sie erst veröffentlichen, wenn offene, gestandene Beurteiler sie bejahen. Wegen des Zwangs zur klaren, eingängigen Aussage gilt das vor allem für das komische Gedicht. Was in der Endfassung einfach und leicht klingt, ist in aller Regel das Resultat des durchdachten Aufbaus, einer zähen Wortsuche sowie mancher Nachbesserung in Reim und Metrik.

In jedem Fall ist der Erfolg das letzte und entscheidende Kriterium. Woran aber bemisst dieser sich beim Komischen Gedicht? Dass sein Gedicht den Leser oder Zuhörer spontan zum Lachen bringt, könnte Heinz Erhardt antworten. Dass es satirisch verpackt eine Ungerechtigkeit oder Unsitte anprangert, wäre eine der möglichen Auskünfte Tucholskys. Dass es oft gelesen wird und lange überlebt, könnte man beiden Autoren zusätzlich in den Mund legen.

Die KlapphornClique hat zur Rettung des KLAPPHORNVERSES UND ZUR RASTLOSEN PFLEGE DES LUSTIGEN KURZGEDICHTS“ sich zum Ziel gesetzt, aktuellen komischen Kurzgedichten, die das Zeug haben, mit Freude gelesen zu werden und lange zu überleben, eine Plattform zu bieten. Jeder Schreiber von lustigen und satirischen Versen ist herzlich eingeladen, an seinen Wettbewerben teilzunehmen.


Werner Hadulla